Die furchtbaren Erdbeeren, Kinder, kleine Erwachsene und der ewige Konkurrenzkampf

Helen, die Oma meines Neffen, ist ein Clown. Nein Herrschaften, nicht Clown wie der x-beliebige, leicht enervierende, Witze machende Onkel den wohl jeder in seiner Verwandtschaft hat. Sie ist Clown von Beruf. Zusätzlich noch Schauspielerin, Regisseurin, ausgebildete Kindergärtnerin, Mutter 3er Kinder, mehrfache Großmutter und überhaupt eine g’standene Frau mit Herz, Hirn und Witz.

Helen ist ebenfalls „Helen von Pipifax“. Pipifax ist ein entzückendes Kindertheater, das ich wirklich jedem ans Herz legen kann. In dieser Funktion hat sie heute einen Dialog veröffentlicht, der auf der Gästebuchseite ihrer Homepage stattgefunden hat. Er betrifft ein Thema daß mich schon ein ganzes Zeiterl beschäftigt. Hier mal der Dialog zum Nachlesen:

Sehr geehrte Frau Brugat!

Am letzten Sonntag waren wir mit unseren 3 Kindern im Schloss Traun, um das wirklich langersehnte Stück „Die Raupe Nimmersatt“ zu sehen. Unser Daniel ist 4 Jahre alt und besucht den Kindergarten. Seit seinem Besuch dort, ist es für uns eine tagtäglich…e Zusatzaufgabe, viele Dinge die er dort hört und sieht auszumerzen, geradezubiegen und einfach auf ihn einzugehen. Nun gibt es dort Situationen wie zum Beispiel dass Kinder spucken, dass verbal aggressiv gesprochen wird, dass gelacht wird, wenn sich jemand verletzt, dass geprustet und gespottet wird, und, und, und….

Irgendwie reden wir uns dann den Mund fusslig und erklären und erklären. Und was passiert nun wieder? Jetzt spuckt die Raupe, jetzt wüten die Leckerbissen, jetzt wird wieder mal gelacht, wenn man sich stößt und wenn was weh tut. Und die erwachsene Frau auf der Bühne macht bäääh und pffrh. Die ursprüngliche Geschichte der Raupe Nimmersatt kommt so wie sie ist bei den Kindern allerorts sehr gut an. Da braucht es kein Geschrei und keine Aggressionen. Bitte beantworten Sie uns eine Frage:Woher rührt bloß das (Ihr) Bedürfnis, eine so liebliche und nette Geschichte derart aggressiv zu pushen und warum muss so oft mit guten Geschichten eine Actionparade gemacht werden? Und bitte antworten Sie nicht mit einem: Anderen Kindern hat´s gefallen. Denn erstens sind wir mit unserer Meinung über diese Vorstellung nicht alleine und zweitens finden wir, dass auch DIE Kinder sich was ansehen dürfen, das nicht ver“actioned“ ist. Wissen Sie: Als Kind hat man nämlich keine Chance in der Erwachsenenwelt, wenn man jemanden Popofresser nennt und Grimassen schneidet.Ein anderes Kind ist nach den Birnen weinend raus aus dem Saal. Wir haben´s bis zu den Erdbeeren geschafft. Zudem haben únsere Kinder jetzt eine wirklich eigenartige Haltung gegenüber dem Buch – Schade. Danke im voraus für Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen Familie XX

 

Antwort:

Sehr geehrte Familie XX

gerne beantworte ich Ihre Fragen zum Stück „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Ich bin selber ausgebildete Kindergärtnerin, dreifache Mutter und Großmutter und verstehe, dass es im Leben allgemein und im Kindergarten im Speziellen immer wieder Situationen gibt, die für manche Kinder nicht einfach sind.

Kinder fürs Leben vorzubereiten ist eine sehr intensive Aufgabe, die auch immer wieder einen Blick auf die verantwortliche erwachsene Person notwendig macht.

Das Leben ist für Kinder oft unverständlich, so viele Verbote, so viele Einschränkungen, so viel Gewalt. Glücklicherweise gibt es den Clown. Der Clown hat sich seine Kindheit und Kindlichkeit bewahrt. Seinen naiven und direkten Blick auf die Dinge des Lebens. Der Clown reagiert geradeheraus, setzt sich über Tabus hinweg, ist laut, fröhlich und macht aus seinen scheinbaren Schwächen Stärken. Er stolpert wenn er läuft, quietscht wenn er singt, spuckt aus wenn ihm etwas nicht schmeckt. Der Clown ist ein uraltes Ventil um dem Alltag standhalten zu können, um uns selbst zu erkennen, um über uns selbst zu lachen und uns mit Distanz betrachten zu können. Sogar die schlimmsten Despoten in der Geschichte der Menschheit hielten sich Hofnarren. Sie waren die einzigen, denen es gestattet war ungestraft die Wahrheit zu sagen.

Nun, um wieder auf meine Inszenierung von „Die kleine Raupe Nimmersatt“ zurückzukommen. Warum spuckt die Raupe die sauren Birnen wieder aus? Weil sie ein Clown ist!! Weil sie ihr nicht schmecken! Eines meiner wichtigsten Anliegen in all den vielen langen Jahren, die ich mich mit Kindern auseinander setze ist, ihnen Mut zu machen, nein zu sagen – im überzeichneten Sinne auszuspucken. Nicht all den Müll aus ihrer Umwelt aufzunehmen. Bevor sie sich den Magen oder das Herz verderben, sollen sie allemal lieber einmal kräftig ausspucken bzw. nein sagen.

Wenn Sie der Auffassung sind, dass die Birnen „wüten“ nun so kann ich Ihnen in dem Maße recht geben, dass die beiden käppelnden und mieselsüchtigen Birnen wüten-d aufs Leben sind, sie stehen für mich als Symbol für viele Menschen, denen man es in keiner Form recht machen kann. Solch ungenießbare Wesen sind unverdaulich.

Die Erdbeeren necken die Raupe, verstecken sich hinter ihrem Rücken, spielen Fangen, das ist eine Situation die Kinder nur zu gut (zum Beispiel aus dem Kindergarten) kennen und hier durch Lachen – welches wohlgemerkt KEIN Auslachen, sondern das gesunde und befreiende Lachen ist, wenn jemand erkennt, dass er mit einem Problem nicht alleine dasteht.

„Action“ wie Sie es nennen, ist im Kindertheater machmal vonnöten um die Aufmerksamkeit der Kinder eine Stunde lang aufrecht zu halten.

Wenn mich jemand ärgert (im Stück sind es die Erdbeeren), dann steht es mir zu wütend zu sein und meinen Ärger kund zu tun. Wenn ich im Stück beschließe aus ihnen Erdbeermarmelade zu machen ist das lustig, oder denken Sie ernsthaft es sei aggressiv Erdbeermarmelade herzustellen?

Schade, dass Sie es nur bis zu den Erdbeeren geschafft haben, ich bin sicher, ihre Kinder hätten es ohne Schaden und mit viel Vergnügen bis zum Ende des Stückes ausgehalten.

Verständlich, dass die Kinder nun eine eigenartige Haltung zum Buch haben- hätte ich auch, wenn ich mitten in der Vorstellung aus einem lustigen Stück gehen muss.

Mit freundlichen Grüßen

Helen Brugat

Es gibt viele Dinge, die zu diesem Leserbrief anzumerken wären. Die Aspekte des Clowns und die dahinter liegenden Mechanismen des Lachens erklärt Helen in ihrer Antwort selbst, besser kann man’s nicht sagen. Die Frage ob Kinder politsch korrekt zu Lachen haben, also nicht über die Missgeschicke anderer, ist sowieso absurd. Helens Theaterstücke als „ver-actioned“ zu bezeichnen finde ich auch absonderlich, sie sind entzückend! Ich habe mit meinem Sohn gemeinsam „Der Grüffelo“ gesehen und er mit dem Kindergarten „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Er hat beide geliebt.
Aber an einem Satz bin ich besonders lange hängen geblieben:
„Wissen Sie: Als Kind hat man nämlich keine Chance in der Erwachsenenwelt…“.

Entschuldigung?
Kinder brauchen keine „Chance“ in der Erwachsenenwelt, denn: sie sind Kinder!!!
Es ist unsere verdammte Verantwortung als Eltern, ihnen die schillernd bunte Seifenblase der Kindheit möglichst lange zu erhalten. Versteht mich hier nicht falsch. Ich bin keine antiautoritäre Mutter. Ich finde es NICHT OK wenn Kinder in Restaurants Wettrennen um den Tisch machen und sich mit Essen bewerfen. Aber eine Chance in der Erwachsenenwelt hat wer? Genau. Erwachsene! Und es kann nicht das Ziel sein, aus Kindern kleine Erwachsene zu machen. 

Des Weiteren konnte ich nicht umhin über die Helden meiner Jugend nachzudenken. Puuuhhhh… mit denen hätte Familie XX vermutlich keine rechte Freud‘. Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Karlson vom Dach. Alles keine Ausbünde an  Sanftheit und Unterordnungswillen. Da geht’s manchmal schon recht heftig zur Sache. Gestalten wie Winnie Puh (lustig weil dämlicher Tollpatsch), Ferkel (lustig weil feig), Rabbit (lustig weil notorischer Miesepeter) sind dann vermutlich auch aus dem Rennen. Uiii… Pinoccio. Gaaanz schlecht. Mhhhmmm… Märchen? Auch nicht besser. Was muss ich bloß für ein moralisch verkommener Erwachsener sein, da ich mit diesen role-models aufgewachsen bin. Aber vielleicht reicht meine Selbstreflexion einfach nicht zu dieser Erkenntnis.

Folgendes kann ich allerdings an meinem Kind beobachten: Er darf ab und an Fernsehen (also vornehmlich DVDs schauen) und bekommt täglich vorgelesen. Seine Lieblinge unterscheiden sich nicht sehr von den Meinen.  Viele der oben genannten plus ein paar Neuen.
Erstaunlicher Weise –ob all dieser Brutalität, Häme und Manierenlosigkeit- pinkelt er auch nicht gegen das Tischbein, verdrischt keine Leute, und –oh Wunder- schiebt keine Hexen in den Ofen. Im Gegenteil, er ist für sein Alter ein ganz entzückendes, hilfsbereites und weitgehendst sanftmütiges Kerlchen. Und warum?

Weil Kinder nicht blöd sind! Sie könne unterscheiden zwischen Realität und Fiktion, speziell wenn sie ein Elternhaus haben, in dem sie sich gut aufgehoben fühlen und in dem Ihre Fragen beantwortet werden. Kinder lieben Clowns (gut, ich tat es nicht, aber das ist eine andere Geschichte), sie lachen herzlich und ausgiebig wenn es den Tollpatsch zum 5ten mal über die eigenen Füße haut. Werden sie deswegen ein anderes Kind auslachen wenn es hinfällt? Im Normalfall nicht. Nicht wenn sie zu Hause gelernt haben, daß man respektvoll mit anderen Wesen umgeht. Aber über den Clown lachen sie bis sie Bauchweh haben.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Es ist gut und wichtig, Kinder vorzubereiten auf das was das Leben Ihnen abverlangt. Aber nehmt ihnen nicht ihre Kindheit, ihr nehmt ihnen sonst ihren Charakter. Sie werden bequeme, wirtschaftlich funktionierende Ameisen, aber nicht die Individuen die wir selbst uns brüsten zu sein. 

Aber es scheint sich bei vielen Menschen im Augenblick der Geburt ein Schalter umzulegen. Ab dann ist alles nur mehr ein Wettkampf. Mit Schrecken erinnere ich mich an eines der wenigen Male als ich mich zur „Rückbildungsgymnatik“ eingefunden habe. Meist immer noch fette Frauen mit Milchbrüsten so groß wie Wassermelonen tun so als würden sie Sport betreiben (Sollte ich hier jemandem zu nahe treten, sorry. Aber ich nehme mich aus diesem Urteil ganz und gar nicht aus, wenn das als Entschuldigung gilt!). Ich schwöre, ich lüge nicht, innerhalb von Minuten entbrannte eine wilde Diskussion darüber, wessen Geburt schmerzhafter war und wessen Damm weiter gerissen ist!! Mal abgesehen davon, dass ich generell nicht das geringste Interesse am Dammriss anderer Frauen aufzubringen vermag, aber bitte: wer von euch ist im Laufe seines Berufslebens jemals gefragt worden, wie seine eigene Geburt war, wann er stubenrein war, wann er korrekt mit Messer und Gabel essen konnte? Selbst Fragen wie „Konnten sie vor dem Schuleintritt schon schreiben oder haben sie das erst in der Volksschule gelernt?“ sind mir persönlich nie gestellt worden. Und doch dreht sich das Leben vieler Eltern –so scheint es- nur und ausschließlich um die Frage in welcher Disziplin der Spross nun brilliert. Sei es nun Töpfchengehen oder rückwärtig und im Handstand Integralrechnungen lösen und das noch vor dem 10ten Geburtstag. Eislaufmütter und Tennisväter (politisch korrekt ist anders, aber das Bild bietet sich nun mal an) fallen übrigens oft in die gleiche Kategorie.  Die Grenze zwischen Fördern und Überfordern wird nur allzu leichtfertig überschritten, leider immer auf Kosten des wertvollsten Guts das ein Kind hat: die Kindheit. Daher mein Aufruf: Lasst die Kinder doch Kinder sein. Erwachsen werden sie noch früh genug.

So. Die Familie XX hat mich also eine ganze Zeit lang beschäftigt. Um ehrlich zu sein schwirren in diesem Themenkreis noch viele andere Gedanken in meinem Kopf herum, vielleicht bald ebenfalls hier zu lesen. Ich werde demnächst meinen kleinen Prinzen, der mit dem Herzen so gut sieht, ins Bett bringen und ihm vor dem Einschlafen vorlesen.  Und werde heute ein ganz und gar unkorrektes und dafür umso lustigeres Buch wählen. Und mich freuen wenn er dabei –völlig unkorrekt- gluckert vor Lachen wie eine alte Wasserleitung!

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