Reviere markieren

Es gab eine Zeit, da war alles einfacher. Nicht leichter, aber einfacher. Höhlenmensch sieht Höhle, Höhlenmensch will Höhle, Höhlenmensch sch… in die Ecke der Höhle und markiert sie damit als die Seine. Ergebnis: Höhlenmensch hat Höhle. In der Folge organisiert er sich noch ein Weibchen, schleppt es am Haarschopf in sein neues Reich und fertig ist der Start ins neue Leben. Die Diskussionen zum Thema Einrichtung sind vermutlich eher enden wollend, und auch die Rangordnung in- und außerhalb des Familienkonstrukts ist eher fix vorgegeben. Wer mehr Muskeln hat, gewinnt, das gilt auch wenn einem Jemand die Behausung streitig machen will.

Und so schaut‘s heute aus. Behausungen müssen immer noch gefunden werden, aber es reicht (leider oder Gott sei Dank) nicht, seinen Besitzanspruch nach Art der Vorfahren zu bekunden. Sicherheiten müssen geboten, Anbote gelegt & Verträge entworfen werden, 1.000 Unterschriften und viel Geld später darf man die Höhle dann sein eigen (wenn auch nur zur Miete) nennen. Das alles ist unendlich komplizierter als Uropas Methode und irgendwie auch… ja, unsexy.  Alles spielt sich im Hirn ab, auf Papier, es ist gänzlich unsinnlich, und in Wahrheit, so denke ich fehlt uns auch etwas. Ein kleiner Teil von uns WILL nämlich um sein Revier kämpfen, will außer Atem, verschwitzt und zerschunden nach einem Revierkampf mit einem Rivalen niedersinken und sich denken: „yeeeeaaahhh, dem hab‘ ich’s gezeigt“. Das klingt ein bissi testosteronschwanger, ist es aber nicht, denn Frauen -zumindest ich- sind ganz genauso.

Jetzt fehlt uns aber der Angriff von außen. Da kommt Keiner, der uns die Höhle streitig macht, zumindest nicht in einem territorialen Sinn. Fad. Aber die Energie ist da, will raus, will verwendet werden. Weswegen wir innerhalb der eigenen Behausung mit dem Partner als Gegner unser Revier abzustecken beginnen.
Aber wir sind ja zivilisiert. Wir pinkeln nicht mehr an Bäume und schnuppern nicht mehr am Hinterteil Anderer. Zumindest nicht mehr um unser Revier zu markieren, um auf diverse Fetisch-Spielerein einzugehen ist hier weder Zeit noch Ort. Trotzdem haben wir Mittel und Wege gefunden, um nicht mehr in die Ecke der Höhle sch… zu müssen um anzuzeigen „hier herrsche ich!“.
Gewonnen hat, wer „seinen“ Blumentopf richtig platziert hat, „sein“ Geschirr als das Gemeinsame durchgesetzt hat. Da entbrennen Konflikte um Nebensächlichkeiten, die bar jeder Logik geführt werden. Ich spreche hier aus Erfahrung.

Noch heute steigen mir –schön wienerisch formuliert- die Grausbirnen auf angesichts meines eigenen Vorschlags vor knapp 1,5 Jahrzehnten, der damalige „er“ möge doch wirklich, also ganz im Ernst, seine sauteuren geliebten Magnat-Boxen unterm Sofa unterbringen. In dem Moment war mir die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit dieser Aussage völlig evident. Hallo? Die Dinger waren riesig, ergreifend hässlich und hätten sinnvoller Weise genau dort stehen sollen, wo idealerweise auch meine Bodenvase & mein geliebter, riesiger Benjamin stehen hätten sollen. Also: weg damit, ab unters Sofa. Bruchteile von Sekunden explodierte in mir die Erkenntnis der völligen Schwachsinnigkeit meines Vorhabens. Boxen unterm Sofa, das hat in etwa die Sinnhaftigkeit des legendären Kühlschranks in der Arktis. Klangqualität kleiner gleich Null, und das mir als Musik- und Klangfreak. Aaaaber egal. Zähne fletschen und durch, Stirn bieten, wenn ich jetzt zurück weiche, verliere ich nicht nur die Schlacht sondern den ganzen Krieg. No Prisoners! Mein Baum, meine Höhle. Jeder Einrichtungsgegenstand ein symbolisches stinkendes Hauferl in der Höhlenecke.

Nun, die Boxendebatte dürfte diesmal wohl nicht aufkommen. Boxen müssen nicht mehr riesig und hässlich sein um gut zu klingen. Dieses Problem ist gelöst. Aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sich auch diesmal die Eine oder Andere Revierstreitigkeit nicht umgehen lassen wird. Wir werden Diskussionen führen, mit viel Energie und zunehmender Zornesröte auf den Wangen nur um uns Momente später selbst insgeheim (!) die Frage zu stellen „Bitte, das kann ja wohl nicht dein Ernst sein. Wie schwachsinnig ist das denn?“. Kriegsführung für Fortgeschrittene, jeder weiß wie völlig blödsinnig sein Vorhaben ist, aber nachgeben… schwierig. Jetzt weiß ich wenigstens ich wie’s zum kalten Krieg kam, der Höhlenmensch in uns verlangt nach Ersatzbeschäftigung.

Tage, Wochen, Monate später werden wir dann sehen wer der wirkliche Sieger ist, wer in der hohen Schule der Reviermarkierung erfolgreicher war, gegen die strategisch wichtigeren Bäume gepinkelt hat.

Mein Tipp: 1:1 … für Kind und Katze. Wir sind raus aus dem Rennen.

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